Artikel in FR – Die Kunst des Nichtstuns
Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 21. 02. 2011
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Die Kunst des Nichtstuns
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Die Kunst des Nichtstuns
Ab dem dritten Lebensjahr gewöhnt sich der Mensch an falsche Körperhaltungen. Die Alexander-Technik lehrt, diese schädlichen Bewegungsmuster wieder abzustellen.
Ex-Beatle Paul McCartney und Sting haben etwas gemeinsam: Täglich legen sich die Musiker für ein paar Minuten auf den Fußboden, einen Stapel Bücher unter den Kopf geklemmt, die Beine aufgestellt, die Hände auf dem Bauch verschränkt. Arme, Beine, Schultern – alles wird locker. So horchen sie in sich hinein. Spüren, dass die Arme von den Schultern bis in die Fingerspitzen reichen, die Beine an den Zehen enden. Fühlen, wie sich beim Atmen die Bauchdecke hebt und wieder senkt, wie die Schulterblätter schwer den Boden berühren, das Steißbein, die Fußsohlen. Die Anspannung weicht aus dem Körper, der Atem fließt.
Dieses Auf-dem-Boden-Liegen wirkt ein wenig seltsam auf den unkundigen Betrachter, hat aber einen Sinn. Es ist eine Übung aus der Alexander-Technik, die unter ganzheitlich orientierten Therapeuten und in kreativen Kreisen schon seit etwa 70 Jahren ein Begriff ist. Benannt wurde sie nach ihrem Erfinder, dem australischen Schauspieler Frederick Matthias Alexander (1869 bis 1955). Als ihm immer öfter die Stimme versagte, waren die Ärzte ratlos. Also versuchte er, dem Problem selbst auf die Spur zu kommen. Nach monatelangen Selbstbeobachtungen vor dem Spiegel hatte er erkannt, dass er seinen Kopf beim Rezitieren auf eine Weise neigte, die auf den Kehlkopf drückte. Ihm war nie zuvor aufgefallen, dass er das tat. Und schlimmer: Es fiel ihm schwer, das bleiben zu lassen. Also entwickelte er eine Methode, die ihm half, sich diese offensichtlich störende Bewegung abzugewöhnen. Längst nutzen nicht nur Künstler die Alexander-Technik. Sie hilft gegen eine ganze Reihe von Beschwerden, die sich aus falschen Bewegungsmustern ergeben können: Bandscheibenschäden, Atemprobleme, Stottern. Sie soll Rückenschmerzen zu Leibe rücken und Migräne ausknipsen, eine krumme Wirbelsäule gerade und den Kopf frei machen. Sie wirkt bei stressbedingten Krankheiten, gegen Arthritis und Parkinson. Hilft, Lampenfieber in den Griff zu bekommen, und macht souverän – sagen ihre Anhänger. Kurz: Alexander-Technik macht die Bewegungen des Menschen effektiver, besser. Doch geht es bei der Alexander-Technik eben nicht darum, mithilfe von Übungen etwas besser zu machen. Sie lehrt vielmehr, schlechte Gewohnheiten zu erkennen und zu vermeiden. Alexander ging davon aus, dass der Mensch ab seinem dritten Lebensjahr falsche Körperhaltungen und Gewohnheiten annimmt, die sich im Laufe seines Lebens schädlich auf das Gleichgewicht auswirken können.
Studie beweist Wirksamkeit
Eine vergleichende klinische Studie der Universitäten Southampton und Bristol bewies die Wirksamkeit der von F. M. Alexander begründeten Technik gegen Schmerzen in der Lendenwirbelsäule.
579 Patienten mit chronischen Schmerzen wurden nach dem Zufallsprinzip in vier Gruppen eingeteilt: Die Patienten erhielten entweder die übliche allgemeinmedizinische Behandlung, sie erhielten sechs therapeutische Massagen oder sie besuchten sechs bzw. 24 Unterrichtsstunden Alexander-Technik. Jeweils die Hälfte der vier Gruppen absolvierten täglich 30 Minuten Ausdauersport. Ein Jahr später zeigten die Patienten, die Sport treiben mussten, keinen nennenswerten Erfolg gegenüber den anderen Gruppenmitgliedern.
Die Patienten der Kontrollgruppe klagten an 21 von 28 Tagen über Rückenschmerzen. Wer 24 Stunden Alexander-Technik-Unterricht erhielt, hatte lediglich drei schmerzhafte Tage innerhalb der vier Wochen. Wer nur an sechs Unterrichtsstunden teilnahm, blieb an 17 Tagen schmerzfrei. Die Patienten der Massagegruppe erlitten an 14 Tagen Schmerzen.
Oft weiß der Mensch jedoch gar nicht, was für ihn schädlich ist. Der Körper suggeriert ihm nach jahrelangem falschem Gebrauch das Gegenteil. Wer sich am Schreibtisch bewusst gerade hinsetzt, weil er die gebeugte Haltung vor dem Computer vermeiden will, verkrampft an anderen Stellen. Das Problem: Die Gewohnheit überrumpelt das Gehirn. Vieles macht der Mensch nicht einmal bewusst. Etwa den Kopf einzuziehen, wenn es brenzlig wird.
Aufstehen, Hinsetzen, Liegen. Nichtstun. Es sind immer dieselben Abläufe, an denen geübt wird. Dennoch benötigt der Laie zunächst Unterricht bei einem ausgebildeten Lehrer, um die Übungen auszuführen. Die Sitzung läuft eher unspektakulär ab: Der Proband liegt wie eingangs beschrieben auf einem Behandlungstisch, während der Lehrer mit seinen Händen Verspannungen aufspürt, wo der Proband niemals welche vermuten würde. Die gleiche Prozedur beim Hinsetzen. Was macht Ihr Kopf, wenn Sie sich auf einen Stuhl setzen? Keine Ahnung? Nichts? Oft sinkt er in den Nacken oder auf die Brust, soll er aber nicht. Die unterstützende Berührung des Alexander-Trainers vermittelt dem Menschen ein Gespür für das richtige Körperverhalten. Letzteres hilft dabei, auch im größten Stress einfach einmal innezuhalten und – etwa im Verkehrsstau hinterm Steuer – nicht die Zähne aufeinander zu beißen, sondern den Kiefer einfach mal locker zu lassen
